Nomadentum

Mein Leben als digitaler Nomade ist jung, ich bin es nicht.

Ich bin ein sogenannter Bestager.

In meinem Herzen war ich nie etwas anderes als ein Nomade,

weshalb diese neue Freiheit eigentlich nur die Erfüllung einer uralten, ersten Liebe zum Dasein ist.

Endlich passen innen und außen zusammen.

 Der Digitalisierung sei Dank.

Sprachbindung

Ich bin von Hause aus Redakteurin. 

Die deutsche Sprache ist eine meiner großen Lieben und war viele Jahre auch mein größtes Hemmnis, denn ich konnte den Sprachraum nicht verlassen, wollte ich nicht in Kauf nehmen, zu verhungern. 

 

Als ebenfalls gelernte Bildredakteurin hätte ich ein Standbein gehabt, aber wer gewohnt ist, immer auf 2 Beinen zu stehen, denkt fälschlicherweise, er werde einbeinig sofort umfallen. Diese 50 Prozent reichten mir als alleinerziehende Mutter, die Verantwortungsbewusstsein inhaliert hatte, nicht aus, um mein Mutterspracheland zu verlassen.

 

Durch die Digitalisierung wurde ich frei. Aber nicht erst durch sie, denn ich hatte schon viele Jahre zuvor, die bildnerische Kunst zu meiner Hauptprofession gemacht. Als Malerin und Bildhauerin, so wusste ich, konnte ich überall auf der Welt arbeiten - und tat es bislang doch nur in Deutschland. 

Warum?

Das, geneigter Leser, wüsste ich auch gern.

Ich brauchte noch eine richtig „fette“, lebensbedrohliche Erkrankung und einen guten Freund, der mich unterstützte, bis ich mir gestattete, das Leben zu leben, das schon immer das meine war.

 

Und da bin ich nun.

 

Unbeholfen stolpernd, freudig hüpfend, zögerlich und zugleich stolz schreitend auf meinem neuen Weg.

Geld ungleich Zeit

Der Essayist und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb sagte einmal über Reichtum:

 

„Man ist nur dann reich, wenn das Geld, das man ablehnt, besser schmeckt als das Geld, das man annimmt.“

 

In diesem Sinne bin ich reich und frei.

Meine Zeit ist frei und dennoch so unendlich mehr als der Begriff Freizeit ausdrückt.

 

 

Ich bin nicht erpressbar, nicht gewillt, meine Lebenszeit für sinnlose Projekte zu verschleudern, denn ich habe nur eine begrenzte Lebenszeit, die ich nicht als Arbeitszeit oder Freizeit unterteilt sehen möchte und deklassieren lasse. Sie ist unendlich kostbar, in keinen Stundensätzen der Welt zu bezahlen und mein wahrer und einziger Reichtum.

Coworking-spaces

Ich brauche Strom und WLAN - der Rest ergibt sich.

 

Also wird erst einmal jede neue Umgebung nach diesen Parametern sondiert.

 

„Ich hätte gern einen Kaffee und WiFi“, sage ich meist in jedem Café oder Restaurant. Im weiteren Reiseverlauf werde ich die Reihenfolge ändern, die Prioritäten sind klar gesetzt. Ohne Wifi möchte ich auch nichts verzehren.

 

Ähnlich bei der Hotelauswahl. Freies WLAN hört sich ja nett an, aber wenn die unsichtbare Drosselung nicht mal ein iPhone-Backup ermöglicht…?!

 

 

Das bringt mich eher früh als später auf die Suche nach Co-working spaces in meiner momentanen Umgebung.

Bild: Die unangefochtene No 1, wenn man unterwegs ist: das WLAN.

Hier vom Lichtspalt auf eine Höhlenwand in Gibraltar gebannt.

Bild: Schiffe fahren auch in Wolken, wenn man Spiegelungen traut


German Angst

Sobald man Deutschland verlässt, wird man daran erinnert, dass es auch ein Leben ohne Angst gibt, ohne German Angst. Jedenfalls, wenn man sich nicht nur unter Mitbürgern bewegt.

 

Es gibt Länder, in denen Kinder ohne Sitz mit Dreipunktgurt fahren (so wie bei uns früher) oder zu zweit, gar zu dritt auf einem klapprigen Rad (so wie bei uns früher) oder Stromleitungen an mediterranen Häuserwänden… Sie wissen, was ich meine.

 

Sollten wir vergessen haben, dass unser Alltag vor Verboten nur so wimmelt, dass wir ein komplett durchreguliertes Leben führen, brauchen wir nur ins Ausland zu fahren. 1,5 Flugstunden reichen meist schon aus.

 

Man könnte es lächelnd als deutsche Eigenart abtun, wenn es nicht so fatale Folgen hätte: die German Angst. Denn all die Vorsichtsmaßnahmen des DIN-genormten Lebens haben uns ja nicht gelassener gemacht, im Gegenteil.

 

Davon profitieren ganze Wirtschaftszweige und zahlreiche Parteien. Der freie, mündige, selbst denkende Bürger steht nicht gerade oben auf der Beliebtheitsskala der Profiteure.

 

Nehmen wir - aus aktuellem Anlass - ein harmloses Beispiel: Pauschalreisen.

 

Warum buchen bundesdeutsche, erwachsene Menschen des 21.Jahrhunderts Pauschalreisen? 

 

Ich habe diese Frage zahlreichen Menschen gestellt, wobei sich 3 Parameter herauskristallisierten:

  1. Angst: im fremden Land nicht zurechtzukommen, etc.
  2. Bequemlichkeit: ein anderer (Elternersatz) kümmert sich um alles
  3. Mangelndes Selbstbewusstsein: allein nicht den, Flieger, die Route, das Hotel zu finden

Hört sich alles nicht gerade nach einer positiven Motivation und Grundlage an. Wir sprechen hier, wohlgemerkt, von erwachsenen Bürgern, die einen Führerschein haben und wählen dürfen.

 

Warum tun sie es also?

Es hat auch sekundäre Vorteile, diese selbst gewählte Infantilität: man kann jemand anderen verantwortlich machen. Für schlechte Erfahrungen, Flugverspätungen, schlechtes Essen, Baulärm. Wie früher, wenn das Mittagessen der Mutter nicht schmeckte und der spätere Sonntagsausflug bei Regen stattfand - wer war schuld? Die Eltern, natürlich.

Vergessen wurde nur, dass man nicht mehr tun muss, was die Eltern vorschrieben.

Wir sind jetzt groß.

Wir können selbst bestimmen. Könnten, wenn wir wollten… aber: dann haben wir ja keinen, der es schuld wäre, wenn etwas schief geht, außer: … genau!

Um diese Verantwortung loszuwerden, bezahlen wir gern etwas mehr Geld.

So ist die Urlaubsplanung eine direkte Folge unserer generellen Lebensplanung.

 

Wir leben pauschal statt individuell und so verreisen wir auch.

Wir leben, als hätten wir noch ein zweites, ungebrauchtes Leben in der Tasche, das wir bei Bedarf herausziehen könnten.

Und vielleicht stimmt das sogar, nur anders als gedacht:

 

Dafür bedarf es eigentlich nur 2 Fragen, die man sich stellen sollte:

  • Wie sähe mein Leben aus, wenn ich keine Angst hätte?
  • Wer wäre ich, wenn ich keine Angst hätte?

Mein anderes Ich in meinem anderen Leben, vielleicht.

Und das könnten wir ja eigentlich mal ver-suchen…

 

Um der German Angst irgendetwas Positives abzuringen: wo Angst ist, kann Mut wachsen. Denn ohne (Überwinden der) Angst gibt es keinen Mut.

Anais Nin meint dazu: „Das Leben schrumpft oder dehnt sich aus, proportional zum eigenen Mut.“

 

Ich frage mich daher: wo ist mein größter Mut?

Im Großmut?

In der Schwermut?

 

In der Demut?


Woanders

„Arbeiten Sie?“, fragt mich der Mann. Ungläubig, beinahe angewidert. „Hier?“, und weist auf das Schiff, das Meer, den Hafen.

„Ja. Warum nicht?“, antworte ich, so offen ich eben kann. Aber eigentlich wappne ich mich schon innerlich gegen eine Diskussion, die ich nicht mehr führen möchte. Weil sie nichts bringt, erfahrungsgemäß.

Denn Arbeit - so weiß ich aus unzähligen, fruchtlosen Diskussionen - findet in den Köpfen der Deutschen nicht an schönen Orten statt. 

Ich lebe nun schon seit vielen Jahren in einem deutschen Touristenort und kenne alle Vorurteile, die den Menschen hier begegnen.

„Das muss ja toll sein! An einem Ort arbeiten, wo andere Urlaub machen!“

Ja?

Und was genau ist daran toll?

Diese Frage konnte mir noch niemand beantworten.

 

Beim genaueren Hinsehen ereignet sich nämlich im Betrachter folgendes:

  1. Er ist neu hier und sieht deshalb die - auch objektiv betrachtet - hübsche Region mit einer Achtsamkeit, die er seiner gewohnten Umgebung nicht mehr schenkt.
  2. Er (unser Betrachter) hat Freizeit. 
  3. Er kommt meist zur besten Jahreszeit.

Nun geschieht eine innere Mixtur aus diesen Komponenten: Neu + Freizeit + Sonne = Ort / Region

Daraus wird unbewusst die Annahme geschmiedet, an diesem Ort, so schön wie er (bei Sonnenschein und/oder angenehmen Temperaturen) ist, muss man nicht arbeiten. Im subjektiven Fall des Urlaubers trifft das sogar zu. Für die hier lebende Bevölkerung aber … das bedarf keines Kommentars.

Der Betrachter deckt seinen Trugschluss jedoch keineswegs auf, sondern exportiert ihn in alle Länder, in die er reist.

Der Trugschluss, genauer: die Freizeit, ist es, die Auswandererwünsche entstehen lässt.

 

Bevor Sie die Koffer packen, um unter Palmen zu leben, stellen Sie sich einfach 2 Dinge vor:

  1. Wenn Sie am Strand in der Sonne liegen, haben Sie meist die Augen geschlossen. Könnten Sie jetzt nicht auch im heimischen Garten liegen?
  2. Wie wäre es, wenn Sie am schönsten Ort der Welt Ihre Brötchen verdienen müssten, wie alle anderen auch?

Die Antworten beenden meist alle Wünsche nach einem Woanders.

Sie möchten nämlich selten den Ort wechseln, Sie wollen einfach freie Zeit!

Oder eine Arbeit, die Ihnen wirklich Freude macht!

Und denken Sie daran: auch an den schönsten Orten der Welt gibt es unheilbare Krankheiten, Trennungen, Insolvenzen - die ganze Bandbreite des Lebens. Urlaub ist ein Ausnahmezustand im Leben der meisten Menschen. Leider.

 

Ich arbeite gern. Am liebsten in Strandnähe. Ich habe nämlich seit Jahren die See vor der Haustüre. In den ersten Jahren geht man noch häufiger zum Strand, um zu sehen, ob das Wasser noch da ist ;-)), später nur noch, wenn man Besuch bekommt oder das Wetter einen förmlich ans Meer treibt.

Ja, ich arbeite auch auf Schiffen, in Häfen, an Stränden, in Cafés, an Urlaubsorten.

Warum nicht?

Gerade an Ferienorten wird besonders viel gearbeitet. Vor allem für die Leute, die mit freier Zeit anreisen…

 

Ist Heimat ein Wo, ein Wie oder ein Wer?

Wenn ich meinen Aufenthaltsort wechsle, nehme ich mich und meine Arbeit mit.

Ich suche keine freie Zeit, ich möchte erspüren, was das Land, der Ort mit mir macht. Das Licht, die Farben, die Gerüche, die Menschen, deren Sprache. Beruhigt es mich, strengt oder spornt es mich an? Wie bin ich in der neuen Umgebung? Denke, gehe, schreibe, male oder kleide ich mich anders? Wer, was begegnet mir? Wie lebt man dort?

 

Reisen sind für mich vor allem Horizonterweiterungen, innen wie außen.

Aus dem Woanders wird ein Wieranders und manchmal auch ein Wiieanders. Als würde ich mich durch die Augen des Landes betrachten. Beobachter und Beobachteter gleichzeitig. Ähnlich einem Menschen, dem ich gegenüber sitze. Ich merke stets an meinem Verhalten, wie er mich sieht.

 

Mein Deutschland-Ich kenne ich weitestgehend, mein USA-Ich müsste ich mal wieder überprüfen, mein Türkei-Ich ist mir nah … die Liste ist lang, aber längst nicht lang genug!

 

Die bislang ergreifendste Erfahrung hatte ich in Miami: es war das Gefühl, ein Ton in der Melodie des Landes zu sein. Ist das Heimat?

 

Ein Land, so meine Erfahrung ist ein großes Wesen. Ich möchte seinen Charakter erfühlen, seine Sinnlichkeit, seine Geschichte. Und genau wie ein Mensch ist er einem eine gute oder schlechte Gesellschaft, fördert, begeistert, behindert oder überfordert er. 

 

Erleben kann man das nur ganz analog, mit-teilen kann ich es digital.

Was für ein Segen.

Es hilft beiden Seiten, nicht zu vergessen: mir das Erlebte und meinem Leser das, was er selbst noch erleben möchte.